„KI und Journalismus: Zwischen Werkzeug, Waffe und Wettbewerber“ lautete der Titel des Kommunikationsabends mit Dr. Kevin Baum vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) im Saarrondo. Der Informatiker und Philosoph Baum machte vor 25 Interessierten deutlich, wie hilfreich KI für den Journalismus sein kann. Sie könne bei der Auswertung großer Datenmengen unterstützen, Interviews transkribieren oder Texte übersetzen. Doch der Forscher warnte zugleich vor einem unkritischen Einsatz: „Werkzeuge sind nützlich, aber nie neutral.“ Wer sich zu stark auf KI-Assistenz verlasse, riskiere den Verlust eigener Fähigkeiten. Außerdem unterschätze man leicht den Aufwand für den KI-Einsatz und mache sich Illusionen über deren Effizienz.
Bedrohlicher erscheint KI dort, wo sie gezielt als Waffe eingesetzt wird. Journalistinnen und Journalisten gehören Baum zufolge zu den Hauptzielgruppen von Deepfakes und strategischen Desinformationskampagnen. Solche Angriffe können selbst dann negative Folgen haben, wenn Journalisten nicht direkt Opfer werden. Journalisten, die von Attacken erfahren, können davor zurückschrecken, bestimmte Themen aufzugreifen, und sich selbst zensieren.

Eine weitere Form des Angriffs auf den Journalismus beschrieb Baum mit dem vom ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon geprägten Prinzip „Flood the zone with shit“. Gemeint ist die Strategie, die öffentliche Aufmerksamkeit mit immer neuen Aufregern, Halbwahrheiten und Skandalisierungen zu überfluten, damit kaum noch jemand Zeit und Kraft hat, das große Ganze zu betrachten. KI könne diese Dynamik massiv beschleunigen.
Ein zentrales Thema des Abends war deshalb das Vertrauen. „Manche Leute haben Interesse daran, dass die Vertrauensinfrastruktur der Gesellschaft nicht funktioniert“, sagte Baum. Journalisten seien ein wichtiger Teil dieser Vertrauensinfrastruktur. Deshalb würden sie ins Visier genommen. Vertrauen zu zerstören sei viel leichter, als es aufzubauen. In einer von widersprüchlichen Erzählungen und manipulierten Inhalten überfluteten Öffentlichkeit müsse eine einzelne Lüge nicht einmal geglaubt werden, um Wirkung zu entfalten. Es reiche, wenn am Ende Unsicherheit darüber entstehe, was überhaupt noch stimmt. Der dritte Punkt im Dreiklang des Abends betraf KI als Wettbewerber des Journalismus. Baum warnte davor, dass KI-Systeme künftig selbst zur zentralen Schnittstelle für Nachrichten werden könnten. Wenn Chatbots Informationen zusammenfassen und Antworten liefern, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer die ursprünglichen journalistischen Angebote aufrufen, geraten die Geschäftsmodelle der Medien weiter unter Druck. Ganz neu sei diese Entwicklung nicht: Soziale Netzwerke hätten die Gatekeeper-Funktion teilweise von Redaktionen auf Algorithmen verlagert. KI verschärfe diese Entwicklung jedoch, weil die Versuchung groß sei, den Klick auf die Originalwebsite zu unterlassen und dem KI-Ergebnis zu trauen. Baum plädierte dafür, neu darüber nachzudenken, wie Journalismus künftig finanziert werden kann. Denkbar sei etwa, dass Anbieter von KI-Modellen Vergütungen an Verwertungsgesellschaften wie die VG Wort zahlen. Schließlich seien viele Modelle mit journalistischen Texten trainiert worden, ohne dass diejenigen, die diese Inhalte erstellt haben, dafür angemessen entlohnt worden seien.
